Von Jägern und anderen Feinden.

Warum es in Österreich 2019 keine Wanderschäfer mehr gibt.

1997 gab es in Österreich mehr als 12.000 bewirtschaftete Almen.

Seetaler Alpen auf dem Weg zur Kulmer Alpe 3Schon damals wurden viele Almen nicht mehr bestoßen, wie es in der landwirtschaftlichen Sprache heißt. 2018 werden nur mehr 8400 angeführt.

Im Herbst 2012 aber fand ich trotz intensiver Suche in ganz Österreich keine Sommerweide für unsere täglich gehütete und des nachts in Elektronetz-Zaun eingepferchte Schafherde von 760 Mutterschafen plus Lämmern.

Warum?

Östlich der Linie Judenburg-Linz gibt es kaum Bauern-Almen. Die Großgrundbesitzer, hauptsächlich alter Adel und Klöster, sowie auch die Forstdirektoren der öffentlichen Hand (Bundesforste, Gemeinde Wien, Land Steiermark..) sind derart überzeugt davon, dass Schafe die Jagd stören, dass es in Niederösterreich sogar ein gesetzliches Verbot des Auftriebs von Schafen und Ziegen auf Almen gibt. Bei meinen wiederholten Versuchen, Gespräche über Schaf-Alpung mit kontrollierter Beweidung zu erreichen, wurde ich von den Besitzern meist gar nicht empfangen.

Wand-Seig durch die Eisenerzer Höhe

Erst ab den Seetaler Alpen gibt es Alm-Berge im Bauern-Besitz. Dort wurde ich ab 1992 fündig: Bauern, die ein paar hundert Hektar Wald und Almflächen besitzen, in der Regel selbst Jäger und Bewirtschafter von Eigenjagden sind und, weil ihre Großväter selbst noch Schafe auftrieben, wissen, dass bei entsprechender Umsicht kein Schaden sondern durch Schafbeweidung ein oft großer Nutzen für die Jagd entstehen kann. Denn das Wild allein kann die Flächen nicht freihalten und während Großgrundbesitzer wie die Meier-Mellnhof lieber hunderte Almflächen zuwachsen („verganden“) lassen, waren einzelne Bauern gerade wegen ihrer Jagden auf sonnseitigen Berghängen an kontrollierter Schafbeweidung interessiert.

20 Jahre lang zog ich mit meinen PartnerInnen alljährlich im Frühjahr auf steirische Almen auf dem Zirbitzkogel und den Wölzer Tauern. Während ein langandauerndes Pachtverhältnis aus Rache einer Tochter an ihrem diktatorischen Vater gekündigt wurde, erneuerte die bäuerliche Almgenossenschaft, der wir zuletzt 5 Jahre lang je 3000.- Euro für zwei Monate Almpacht gezahlt hatten, einfach den Vertrag nicht, weil nun der Oberjäger Genossenschafts-Vorstand wurde. Ich dehnte meine Suche bis nach Vorarlberg aus, allein umsonst.

Dass in einem unserer letzten Almsommer Professor Holzner von der BOKU uns bescheinigte, dass unsere Art der Haltung die einzig richtige Pflege für solche Gebiete sei, reichte nicht aus, uns eine Alm für 2013 zu beschaffen. So waren wir gezwungen, im Herbst 2012 das Gros unserer hellbraunen Jura-Schafherde zu verkaufen und behielten für die Jahre danach nur 100 Mutterschafe, um im Südburgenland eine kleine Vorzeige-Herde für meine Kinder und Kindeskinder, FreundInnen und Schulklassen zu führen.

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Herrenbauern mit deutschnationaler Gesinnung

„Na, habts eh guat hergfunden? Is ja alles fest in Deutscher Hand!“ so begrüßte uns der erste Eigenjagd- und Almbesitzer. Nie werde ich diese Worte vergessen. Genausowenig, wie diejenigen „Herrenbauern“, die ihre Frauen und Kinder regelmäßig verprügeln. Oder jene, die uns wegen der Touristen unseren Wohnwagen nicht auf flaches, sicheres Gelände stellen ließen, obwohl wir für die Wanderer eine große Attraktion waren und als einzige bei jedem Wetter hinauf mussten zum Hüten auf den lebensgefährlichen Steilhängen. Der Wohnwagen wurde durch eine Mure zerstört, es gab Abstürze mit anschließenden Spitalsaufenthalten und tote Schafe und Lämmer. Doch nie wäre es den Bauern eingefallen, uns nach solchen Verlusten etwa einen Teil der Pacht nachzulassen! Sie nahmen uns aus wie die Weihnachtsgänse und gaben uns Anweisungen wie früher, als die „Schafler“ ganz unten in der Hierarchie des Gesindes der Großbauern standen, obwohl sie nur mehr eine schwache Ahnung von den Gegebenheiten des Hütens haben. Wir mussten 13 Jahre lang einen Vertrag akzeptieren, der uns für jeweils zwei Stunden vor Sonnenuntergang bis zwei Stunden nach Sonnenaufgang in der Almhütte einsperrte!

Es gab auch andere. (Bauers-)Familien, die uns halfen und beherbergten, obwohl sie keinen Nutzen durch uns hatten, uns jahraus jahrein unterstützen, mit herrlichem Ribisel-Streusel-Kuchen, Melissensirup, gemeinsamem Gesang von Volksliedern und vielem mehr. Sie waren wie Leuchttürme der Menschlichkeit auf unserem Weg, ihnen gilt unser Dank und wir vergessen sie nie.

Einzementierte Vorurteile und das Gefühl von Macht

Auf der Kulmer Alpe standen Abend für Abend hundert Stück Rotwild auf der Wiese unter der Hütte. Am liebsten fraßen die Hirsche das Eiweiß-reiche, frische Grün, das heraus spross, wo wir zehn Tage zuvor die Schafe gepfercht hatten. Auch Gemsen, Rehe, Hasen scheuen sich nicht, neben der Schafherde zu äsen, sind sie doch alle Wiederkäuer – doch die meisten Jäger „wissen es besser“ und sind nicht vom Gegenteil zu überzeugen.

Boris Zirbitz Hütte, Herde

Dabei geht es – vom kleinen Jagdpächter bis zum großen Neureichen oder Prinzen – um das Gefühl von Macht, und uneingeschränkte Herrschaft über ein Stück „wilde Natur“, sowie um gesellschaftlich sanktionierte Erlaubnis zum Töten und Schießereien zu veranstalten, Wachtürme aufzustellen, etc.

Faschistoider Tierschutz

Zu den ärgsten Bedrohungen für unsere Tätigkeit gehörten selbsternannte „Tierschützer“, die teilweise die Unterstützung von Amtstierärzten, Gendarmen oder Staatsbeamten bekamen. Für etliche dieser Leute stellt das Fremde, „die sind ja nicht von hier, haben kein Land und glauben, sie können hier ganz einfach machen, was sie wollen“, ein Ziel für ihre Aggressionen dar. Sie meinen, sich für die „armen Viecherln“ einsetzen zu müssen und entwickeln dabei keine Hemmungen gegenüber Menschen. Auch nicht, wenn die Schäferin gerade schwanger ist, zwei kleine nasse Kinder versorgen muss, die Herde zum Pferch führen muss – alles egal, wenn solche einmal in Fahrt gekommen sind.

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Keine Nachfolger

Obwohl insgesamt sicher einige tausend HelferInnen im Lauf der Jahre mich für Wochen oder Monate begleitet haben, um diese einzigartige Erfahrung zu machen, findet sich heutzutage kein Mensch, der diese Tätigkeit langfristig ausüben will. Zu schwierig sind die Arbeitszeiten, die Trennung von Familie oder PartnerIn, bzw. von der Gesellschaft überhaupt. Zu viele Bedrohungen durch paramilitärisch angehauchte Jäger, zu viele Aggressionen von Grundbesitzern, Bauern und ausufernden PolizistInnen.

Kosten übersteigen Einnahmen

Dass auch wir heutzutage von nur 100 Mutterschafen und ihren jährlichen Lämmern als Schäfer-Familie nicht überleben können, war uns eigentlich klar, als wir die Schmalspur-Herde im Südburgenland begannen. Denn ohne Allradfahrzeug, mehrere Anhänger, Elektrozaun-Netze, die alljährlich nachgekauft werden müssen und Mobiltelefon mit Internet geht heute gar nix mehr. Wir reduzierten unsere Autos, unsere Bedürfnisse und hielten uns mit dem Sammeln von Kräutern und Wildgemüse über Wasser, mit etwas Gartenbau und Dumpstern. Doch auf Dauer erschien es unmöglich auch nur ein gutes Schäferei-Fahrzeug zu finanzieren.

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Ewiggestrige im Staatsapparat

Ob in einzelnen Bezirkshauptmannschaften, Wasserabteilungen oder Wachstuben. Was wir im Südburgenland an Dilletantismus, gepaart mit Fremdenfeindlichkeit und horrender Rechtsbiegung erlebten, stellte alles Vorherige in den Schatten. Gemeinden, wo man auf Krieger-Denkmälern in goldenen Lettern den „Freunden in Amerika“ dankt, wo Wehrmachtssoldaten alljährlich noch als „Helden“ geehrt werden, wo der SS-Mörder Alois-Brunner als einzige wichtige „historische Persönlichkeit“ des Ortes auf Wikipedia geführt wird, brauchen keinen jüdischen Schäfer – er könnte sie zu sehr an die Verbrechen der jüngeren Vergangenheit, an die vergrabenen Gebeine der Ermordeten erinnern… So erklärt eine Bezirkshauptfrau den Schäfern ganz offiziell den Krieg und schickt einen Brief an alle Polizeiposten, diese Wanderschäfer streng zu kontrollieren und sofort anzuzeigen, wenn sie irgendwas entdecken. Die Schikanen bleiben nicht aus und werden durch haarsträubende Gummiparagrafen im Landesgesetz ermöglicht, von einer ebenso haarsträubenden Justiz gedeckt.

Den Wölfen entgangen

Was uns wenigstens erspart geblieben ist, kann man in den Berichten von Schäfern in Frankreich und Deutschland sehen: die konkrete Auseinandersetzung mit dem Wolf. Sie hätte uns garantiert überfordert. All die Argumente der selbsternannten Wolfs-Experten, all die angeblich leicht zu bewältigenden Schutzmaßnahmen – ein Hohn, Übungsparkour für schlaue Wölfe. Durch die Fehlentwicklung der „modernen Tierzucht“ und die emotionale Betroffenheit großer Teile der Bevölkerung findet eine übersteigerte Idealisierung von „Wildnis“, „natürlicher Haltung“, „unberührter Natur“ statt, deren Opfer genau jene Menschen werden, die sich in entlegenen Tälern oder an steilen Berghängen noch der Leerung der Landschaft von Mensch und Tier entgegenstemmen. Für sie gibt es kein Pardon von den modernen Städtern, welchen jeder Wolf oder Braunbär viel wertvoller erscheint als die alte Frau, die noch ein paar Schafe in dem Graben hält. Schafe gibts eh viel zu viele auf der Welt – und Menschen auch. So lautet die verkürzte Formel ihrer Weltsicht, deshalb: „Adieu!“

https://www.almwirtschaft.com/Almwirtschaft/oesterreichische-almwirtschaft.html

https://diepresse.com/home/panorama/oesterreich/671228/Grundbesitz_Wem-gehoert-Oesterreich

https://diepresse.com/home/zeitgeschichte/4689822/Massaker-in-Rechnitz_Mord-als-Mitternachtseinlage-

youtube: Die schwerwiegenden Folgen der Wiederkehr des Wolfes in Frankreich

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Der Traum von einem Leben in Freiheit. (wandern an der Raab)

traum freiheit an der raabAls hinter dem Eisernen Vorhang noch der Pöse Kommunismus die Menschen am Reisen hinderte, galten diejenigen als Helden, die versuchten, in die westliche Welt zu fliehen.20171231_152906.jpg

Nein, ich will weder den Stalinismus, noch den poststalinistischen Staatssozialismus schönfärben. Ich habe dieses System aus mehreren Perspektiven schon als Kind und junger Mann in all den europäischen Ländern erlebt und wäre dort ein Leben lang als Dissident gesessen oder eben geflohen. 20171231_152926.jpg

Doch solange diese Konkurrenz zum Kapitalismus währte, gab es hier noch gewisse Hemmungen, Arbeiterrechte und soziale Errungenschaften kurzerhand abzuschaffen. Inzwischen sind die Mauer, der Eiserne Vorhang und alle Hemmungen des Neoliberalismus und seiner Kapitäne gefallen.20171231_152951

Aber ehrlich: Hat damals irgendjemand einen „Ost-Flüchtling“ danach gefragt, ob es eher wirtschaftliche oder politische Gründe waren, die ihn/sie angetrieben hatten? Oder nur die vorenthaltene Reisefreiheit?20171231_153108.jpg

Und echt jetzt: Glaubt irgendwer von euch, dass es in Afghanistan heute angenehmer zu leben ist, als damals in Ungarn, es weniger „gute“ Gründe zur Flucht gibt?

Und wie haben wir es mit der Reisefreiheit von Menschen aus dem globalen Süden? Für sie gilt das nicht? Menschenrecht 2018?20171231_151715.jpg

es gibt viele verschiedene (männer? unfreiheiten?)

 ich habe mir als kind schon nächtelang überlegt, dass ich lieber eine frau wäre. dann wäre mein leben ganz anders verlaufen. ich träumte nie von einem gut bezahlten job, weil mir geld schon als kind nicht wichtig war. ganz einfach, weil es mich nicht berührt und es andere dinge im leben gibt, die meine sehnsucht viel stärker auslösen. ich sehnte mich danach, kinder zu bekommen, zu gebären, und die natürliche kraft dazu zu haben. zu stillen. wie gerne wäre ich eine frau geworden, um begehrt zu werden, mich einfach hinzugeben, wann immer ich lust verspürte. später schenkte mir das leben die gelegenheit, meinen kindeswunsch erfüllt zu erleben. vorher bot ich einigen befreundeten frauen an, ihre kinder aufzuziehen. frauen, die eigentlich nicht schwanger werden wollten, aber im falle, dass es doch passieren würde, keine abtreibung wollten. eine andere gute freundin wollte ein kind, aber sonst nix von mir. ich gab ihr meinen samen und sie versuchte sich damit selbst zu befruchten. als ich zum ersten mal vater wurde, war ich überglücklich und so war es auch die nächsten vier male. weil ich so gerne mit kindern lebe gibt es jetzt wieder zwei kleine in meinem tagesablauf, sodass ich für meine sieben enkelkinder gar nicht genug energien aufbringe. zum glück war ich nie alleinerzieher. ich fand frauen immer viel nachamenswerter, bewunderte meine mutter mehr als meinen vater, träumte von rosa luxemburg, frieda kahlo, joan baez, wie sie mit ihrem kleinen kind am schoß dylan imitiert. ich spielte von klein an gerne mit mädchen,auch wenn einige burschen am wienerfeld deshalb steine nach mir warfen. im kindergarten verteidigte ich ein mädchen mit mandelaugen gegen die gesamte meute und wurde „jud“ geschimpft. als bub hatte ich in der strassenbahn öfters sehr langen blickkontakt mit erwachsenen frauen, während ich mir ihr schweres leben vorstellte: die schweren einkaufstaschen, die anstrengenden kinder vielleicht, der mann, der saufen geht. mit den augen versuchte ich es zu erfassen. ich hatte nie den „schmäh“ bei den mädchen, deshalb auch lang keine freundin. war schüchtern, aber tanzschule-gehen fand ich abstoßend. all diese benimm-regeln, dieses geheuchelte gute benehmen.. karriere in einer firma oder so habe ich nie angestrebt, das schien mir viel zu öde. und ein akademiker unter akademikern, die nazis in ihren reihen tolerieren, dagegen entschied ich mich schon mit dreizehn bei der borodajkewycz-demo, bei der ernst kirchweger erschlagen wurde. drei viertel meines bisherigen lebens hielt ich mich für einen schlechten menschen und hasste mein mann-sein. erst nach jahrelanger arbeit und sehr berührenden und tiefgehenden erfahrungen lernte ich langsam, mich ein bissel zu lieben und auch mein mann-sein. es ist eine patriarchalische, kapitalistische scheiß-gesellschaft, in der das glück der menschen keinen stellenwert hat. außer, wir geben ihm einen.

Aufklärung für die „ganz Dummen“,

aufklärung für

für die, die sich blöd oder unwissend stellen, sowie für jene, die wirklich noch nicht wissen, was typisch jüdische Namen bei vielen Österreichern anklingen lassen, bzw wie Antisemitismus unterschwellig oder offen für politische Ziele eingesetzt wird.

1. Antisemitismus hat in Österreich eine Jahrhunderte alte Tradition, doch darüber erfährt man kaum etwas im Geschichtsunterricht. Wer weiß zB schon, dass die Juden – auf Bitte der steirischen Stände – vierhundert Jahre aus der Steiermark ausgesperrt blieben, nachdem sie davor dort ansäßig waren?

2. So wie Juden von Papst und Fürsten vorgeschrieben wurde, von weitem erkennbare, sie entwürdigende Hüte zu tragen, so wurden sie auch gezwungen, ungewöhnliche Familiennamen, wie Rosenbusch, Goldberg oder eben Silberstein zu tragen, welche sie brandmarken sollten, sodass jeder gleich wüsste, mit wem er es zu tun habe.

3. Die Liste der Prediger und Politiker, die durch wiederholte Beschuldigungen und falsche Unterstellungen gegen ‚Die Juden‘ Karriere gemacht haben, ist lang und reicht bis in unsere Zeit.

4. Die Nazis verwendeten alle auffindbaren Klischees und fügten noch einiges hinzu. Eine ganze Generation ist im Faschismus aufgewachsen und hat ihre Kinder vielfach in diesem Ungeist erzogen.

5. Wer diese Namen, die selbst schon quasi Stigmata darstellen, in der Mehrzahl, oder – noch übler – in Verbindung mit der Nachsilbe -frei oder -rein verwendet, dessen (un)heimliches Ziel ist es, Sympathien bei Zuhörern zu gewinnen, indem er ihnen die Gelegenheit bietet, ihrem zumeist unterdrückten Hass auf ‚Die Juden‘ vorübergehend freien Lauf zu lassen.

Wo die Grundrechte Europas von der Zivilgesellschaft verteidigt werden. Ein Besuch im Roya-Tal und in Ventimiglia.

 

ced55„Ich selbst kann nichts Verbotenes mehr machen. Ich werde zu intensiv überwacht..“ erklärt Cedric Herrou und zeigt nacheinander in drei verschiedene Richtungen auf die steilen, grau-grünen Berghänge, die sein Stück Land umgeben. „Dort hocken sie,

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dort

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und dort.

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Mit Richt-Mikrofonen und Wärmebild-Sichtgeräten. Sie beobachten uns Tag und Nacht.“

„Uns“ – das umfasst im Moment etwa fünfzig Männer aus Afrika, einige noch sehr junge Burschen von vielleicht dreizehn, vierzehn Jahren, die auf dem terrassierten Steilhang in Zelten wohnen, sowie eine eingeschworene Gruppe von Helferinnen und Helfern, die sich um den jungen Bergbauern aus dem Tal der Roya zusammengeschlossen hat.

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Seit Monaten verfolge ich im Internet die Aktivitäten dieser Vorkämpfer für die Erfüllung der Menschenrechte, die in den nationalen Gesetzen – in Frankreich mehr noch, als in Österreich – und in der Genfer Menschenrechts Konvention festgeschrieben sind. Etliche Omas und Opas aus dem italienisch-französischen Grenz-Tal haben nicht gezögert, Wanderer von der Straße in ihren Autos mitzunehmen und sie in ihren Häusern zu beherbergen. Nach dem Gesetz wäre es die Pflicht des französischen Staates, hier des Departements der Meeres-Alpen, Alpes maritimes, mit ihrem Präfekten in Nizza, für Unterkünfte von Asylsuchenden zu sorgen, und zwar besonders für die Versorgung Minderjähriger. Doch im gesamten Departement an der Côte d’Azur gibt es kein Quartier für Flüchtlinge und der Präfekt denkt auch kaum daran, eines einzurichten.

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Denn diese Küsten-Region, wo vom stolzen Kleinbürger bis zum super-reichen Scheich jeder seinen Urlaub verbringt, ist traditionell eine Hochburg der Rechten. Zahlreiche Bürgermeister gehören zu LePens „Nationaler Front“. Das sind jene, die auf den öffentlichen Stränden das Tragen der Burkinis verbieten wollten, also kaum eine rassistische Gelegenheit auslassen, sich ins „rechte Licht“ zu rücken.

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Also wird die Polizei angewiesen, alle Flüchtenden, die unterwegs geschnappt werden, einfach über die Grenze nach Italien zurück zu schieben und keine Asyl-Gesuche entgegen zu nehmen. Anfangs weigerten sich manche italienische Gendarmen diese illegalen Handlungen mit zu machen, doch inzwischen funktioniert die Kooperation nahtlos.

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Dass hier Kinder, Jugendliche, schlecht oder gar nicht versorgt werden; dass die Behörden in Ventimiglia sogar die Versorgung durch Freiwillige am Bahnhof unterbunden hat – das wollten Cedric Herrou und seine Freunde nicht mitansehen. So mancher verzweifelter Mutter halfen sie auf ihrem Weg, so mancher frierende Bursche wurde am Bahndamm aufgelesen und in Sicherheit gebracht. Bis Cedric mit einem Kleinbus voll mit Jugendlichen aufgehalten wurde. Bis die Behörde permanente Kontroll-Punkte in der schmalen Schlucht am Ausgang des Alpen-Tals aufstellte.

Vor den Sommer-Ferien begleitete Cedric siebzig seiner afrikanischen Freunde nach Nizza, um bei der Präfektur um Asyl anzusuchen. Aus Protest gegen die verweigerte Herberge ließen sie sich in einem der schönen Parks zur Nachtruhe nieder. Als die Polizei zur Räumung schritt, verließen sie ohne Widerstand friedlich den Park.

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Dieses Aufzeigen der staatlichen Fahrlässigkeit blieb wohl nicht ohne Wirkung auf die französischen Richter auch dieser Region. Für die wiederholten Übertretungen setzte es zwar saftige Geldstrafen, aber die Solidarisierung ist gewaltig und verkehrt die Wirkung der Strafen ins Gegenteil. Auch viele konservative Franzosen wünschen sich einen intakten Rechtsstaat und haben die Grundwerte der bürgerlichen Revolution, Freiheit-Gleichheit-Solidarität, noch nicht ganz ad acta gelegt. So bekam der tapfere Partisan aus den Bergen auch in zweiter Instanz nur vier Monate mit Bewährung.

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Als wir die gewundene Schlucht zwischen Kalkfelsen und aufgefalteten Schichten-Bergen hinein kurven, erwarten uns die Grenzsoldaten der Grande Nation an einer Klause; und obwohl eine blonde Mutter mit zwei hellblonden Kinderschöpfen aus dem Pkw gucken, wird ein Blick tief ins Innere geworfen.

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Im ersten Bistro erkundige ich mich nach dem Weg. „Mit Cedric Herrou kooperieren wir aber nicht“, antwortet ein dunkel gekleideter und finster dreinschauender Gast mit versteinerter Miene. Doch die dürre Frau und der zweite Kunde am Tisch sind nicht so streng. Dort unten, fünfhundert Meter retour, wo links die Hängebrücke über die Schlucht führe,

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dort gehe rechts der Pfad hinauf. Ein paar Autos ständen unten an der Straße. Die waren mir sowieso aufgefallen.. Also den Rucksack gepackt, Regenjacken für die Kinder, drei WanDeRer-CDs als Gastgeschenk eingepackt und auf gehts..

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Bei dem kurzen Aufstieg erinnert mich die Struktur der Landschaft an die Terrassen in der Wachau. Hier sind es nicht Weinstöcke, sondern Olivenbäume, die in respektvollem Abstand auf den schmalen Landstreifen thronen, welche vor tausenden Jahren den steilen Berghängen durch den mühevollen Bau von Steinmauern abgetrotzt wurden.

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Und es sind diese weißen Natur-Stein-Mauern in Trocken-Bau-Weise, die es überhaupt möglich machen, was wir gleich staunend wahrnehmen werden: Dutzende Zelte am Rande des Abgrunds, doch sie wirken durchaus wetterfest. Auf den Terrassen dazwischen begegnen wir ein paar Gänsen, schmale Acker- und Gartenstreifen sind mit Elektro-Maschen-Zaun umgrenzt.

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Der erste dunkel-schwarze Bewohner kommt uns von oben entgegen und weist uns den Weg. Bald streifen uns Blicke seiner Kollegen, die in den Eingängen einiger Zelte sitzen, sich ruhig in einer uns fremden Sprache verständigen.

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Wo ich mir einen stattlichen Bergbauern-Hof erwartet habe, krallt sich eine kleine, schiefe Hütte an die steile Bergflanke.

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Doch davor ist eine offene Gemeinschafts-Küche errichtet, unter einer soliden Holzkonstruktion, die ein Blechdach trägt. Eine freundliche, weiße Plane, einem kleinem Zirkuszelt gleich, mit mehreren Spitzen, vergrößert den beschatteten Lagerplatz, der von einer Art Schank, langen Tischen und Bänken begrenzt wird.

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In etlichen dunkelbraunen Gesichtern sehe ich sehr müde Augen, in einigen spiegeln sich die erfahrene Qual, traumatisierende Erinnerungen von Verfolgung, Flucht, Gewalt, Trennung oder Verlust. Diese Menschen bewegen sich ruhig und überlegt, so, als ob keiner den anderen durch eine plötzliche Bewegung, durch ein lautes Geräusch, erschrecken möchte.

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Wir kommen an der Dusche vorbei, daneben ein gezimmertes Trocken-Klosett zum Sitzen für Frauen, mit Hobelscharten zum Zu-decken. Die schönste Klo-Aussicht, die man sich vorstellen kann!

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Zwei Waschmaschinen gehören zum Herz dieses Rast-Platzes in den französischen Alpen. Wäsche hängt auf den Leinen zum Trocknen, eine Trommel wird eben mit der nächsten Ladung Schmutzwäsche gefüllt…

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In der Hütte einige HelferInnen von nah und fern. Cedric ist noch nicht zurück, aber er komme bald. Ich spüre, dass hier schon zu oft ungebetene Gäste aufgetaucht sind, Neugierige, lästige Journalisten, Typen, die, ohne zu fragen, einfach drauf los filmen, oder die Leute fotografieren..

Ständig machen sich Menschen auf den Weg, kommen Freunde aus der Region oder aus Paris, Italien, Deutschland oder England. Eine Helferin gibt einen Zeichenkurs, der andere macht „Medrassa“, das heißt nicht nur Koranschule, sondern auch einfach Schule, denn es gäbe im Arabischen kein weiteres Wort dafür. Er ist in Frankreich geboren, seine Eltern stammen aus Kamerun. Er lehrt hier Französisch auf Englisch und lernt dabei selbst Arabisch…

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Später kommt Cedric. Er begrüßt zuerst die jungen Burschen mit zärtlichen Gesten und einer einnehmenden Freude im Gesicht. Die HelferInnen berichten ihm die Neuigkeiten, sie stehen locker im kleinen Kreis, wie bei einer Party. Ein schönes Gefühl von gemeinschaftlichem, selbstverwaltetem Zusammenleben.

Ich stelle uns kurz vor und unseren kurzen Solidaritäts-Besuch. Überreiche ihm meine drei WanDeRer-CDs und eine Spende. Er erzählt von der strengen Überwachung. Dass sie finanziell sehr gut unterstützt werden durch die Solidaritäts-Bewegung. Meine Einträge auf ihrer Website hat er nicht gesehen, denn die sollte er erst genehmigen, aber dazu fehlt ihm die Zeit. Kurz erzähle ich ihm vom antifaschistischen Engagement meiner Familie, damals. Seine Mutter stammt aus Deutschland. War sie Kommunistin? Nein, nein, nur nicht einverstanden mit dem, was damals passierte. Sie ist von der Gestapo verfolgt worden und konnte sich in diese Berge hier flüchten…

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Wir werden von den Flüchtlingen mit einem Riesen-Teller Reis und diversen Saucen bewirtet. Ich möchte sie nur von hinten fotografieren, aber einige bestehen darauf, „nice picture“, von vorne, zu machen. Zum Übernachten gibt es ein freies Zelt mit Iso-Matten und erstaunt stelle ich fest, wie eben die Erde auf diesen Terrassen im Steilhang angelegt ist, dass wir besser schlafen, als viele Nächte auf obersteirischen Schaf-Almen.

 

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(solide, alte Steintreppe ohne Geländer)

Am nächsten Morgen wird mir bald klar, dass es hier kurzfristig keine Arbeit für uns gibt. Die Aktivisten-Gruppe schmiedet Pläne für den Herbst. Wir brauchen eine europäische Offensive für die Rechte der Flüchtlinge. Europa-Parlamentarier, Politiker, Juristen…alle Kräfte sind aufgerufen, sich zu vereinen, um gemeinsam eine Gegenmacht zur Einhaltung der Genfer Flüchtlings Konvention zu bilden.

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Am Nachmittag umarmen wir die Freunde zum Abschied und wünschen ihnen „Bonne Courage“ – Guten Mut. In Südfrankreich sind drei Küsse auf die Wangen üblich.

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Wir fahren die Roya entlang nach Ventimiglia. Trotz der ablehnenden Haltung eines Teils der Bevölkerung –

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der Miteigentümer des Pfades hat erst vorgestern zwei große Steine in den Weg gelegt – stehen in diesem Tal immer noch etliche felsenfest zu ihrer Überzeugung, dass Hilfe und Nächstenliebe niemals ein Verbrechen sein kann. Täglich kochen sie hier für die hunderten Flüchtlinge, die in der italienischen Grenzstadt am Ausgang ihres Tales festsitzen.

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Abends helfen wir bei der Ausgabe des warmen Essens.

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Wir treffen HelferInnen aus dem Roya-Tal, aus der italienischen Region um Ventimiglia, auch wenn hier gerade heute eine Demo gegen Flüchtlinge statt gefunden hat, aus Bremen, PfadfinderInnen aus Rom, engagierte Helfer aus England und eine nette Journalisten-Familie aus Argentinien.

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Hier die Links zur Küchen-Gruppe, sie können Hilfe und Spenden brauchen:

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https://m.facebook.com/KeshaNiyaProject/?refid=52&__tn__=R-R

https://www.facebook.com/search/top/?q=progetto20k

Ad Quellen. Quellen??!!

Heute werden oft seriöse Quellen im Netz eingefordert. Es gibt Listen, auf die verwiesen wird, wie etwa diese: https://medium.com/@fpoeticker/das-abc-der-unseri%C3%B6sen-quellen-eine-%C3%BCbersicht-e5fe1322fb2f

Dort heißt es etwa über RT: „Wie auch andere vom Kreml finanzierte Kanäle verfolgt RT eine politische Agenda.“ Ich finde, es ist gut zu wissen, woher eine Informaton kommt. Aber: verfolgt die FAZ, DerSpiegel oder DiePresse etwa keine politische Agenda? Sie tun es alle. Eben eine andere.

Zugegeben, dass die Bandbreite der zugelassenen Kommentatoren beim TheGuardian, DerStandard oder Falter ziemlich breit ist.Aber heißt das, dass dort jeder Kommentar willkommen ist? Nada. Das heißt es nicht. Manche werden von vornherein abgedreht, auch beim Guardian, wie erst unlängst im öffentlichen Diskurs zu erfahren, Kommentar-Funktionen werden abgedreht, oder auch schrittweise eingeschränkt, wie etwa heute, am 18.Juli 2017 Thomas Schmidingers Aufmerksamkeit nicht entgangen: „Thomas Schmidinger: Interessant: Auf der Seite der Wiener Zeitung ist der Link zum kritischen Kurz-Porträt von Solmaz Khorsand samt Diskussion plötzlich verschwunden. Übt sich da wer in der Zeitung der Republik bereits in vorauseilendem Gehorsam?“

Ich finde es gut, auf Quellen hinzuweisen, und ich bin sicherlich nicht der Sorgfältigste bei der Weitergabe von Informationen. Auch auf reine Falschmeldungen oder längst verjährte, dringende „Breaking“-News bin ich von meinen Fb-Freunden schon aufmerksam gemacht worden.

Trotzdem bin ich der Meinung, dass zuerst die Meldung gelesen werden sollte. Dass das ausschließliche Hinweisen auf Quellen-Makel eine Art der Diffamierung von Meinungen ist, die für mich stark in die Richtung weist, dass der Quellen-Mahner selbst Fehler macht, die er nur beim „Anderen“ sehen will.

Ich habe in Österreich Jahrzehnte lang erlebt, wie die gesamte bürgerliche Presse, inklusive die sozialistische ArbeiterZeitung, Stillschweigen, ja Totschweigen bewahrt hat über die Zustände in den „Erziehungsheimen“ oder Jugend-Straflagern, wie wir sie auch genannt haben. Obwohl wir einen leeren Tiger-Käfig zu Ostern besetzten und die Turmstube des Stephans-Doms, in eine ORF-Live-Sendung mit einem der Betroffenen eindrangen – die großen Zeitungen erwähnten die Missstände kaum. Es dauerte noch mehr als 30 Jahre bis die Folter an Jugendlichen, flächendeckender sexueller und autoritärer Missbrauch, durch Erzieher, Ärzte und Pfleger der Kirche, des Staates und der Gemeinden, einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde.

Einzig und allein die kommunistische Volksstimme berichtete damals ausführlich und wahrheitsgetreu. Was eben nur wenige Leser damals erfuhren, war die totgeschwiegene Wahrheit.

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Nein ich bin kein Freund von Putins Politik. Ich stimmte auch damals mit der politischen Ausrichtung der Moskau-finanzierten Volksstimme in wichtigen Bereichen nicht überein. Das ändert aber nichts daran, dass in diesem Medium wichtige Informationen veröffentlicht wurden, die man sonst nirgends lesen konnte.

Auch die Reportagen meiner Mutter über das Leben der einfachen Menschen in Österreich in der StimmeDerFrau, deren Chefredakteurin sie lange Zeit war, sowie ihre Berichte über die Prozesse gegen Nazi-Verbrecher, dem Jägerstätter-Prozess, dann ihre Begegnung mit einem der Nazi-Täter von Mauthausen in der Volksstimme sind Zeitdokumente von unschätzbarem Wert.

Im österreichischen offiziellen Kulturleben und Publikationswesen hat viel zu lange der blinde, blöde Antikommunismus regiert, der Picasso, Brecht, Kreisler und viele andere hervorragende Künstler und Journalisten zu Un-Personen degradierte und jahrzehntelang boykotierte.

Das sollte im Internet keine Fortsetzung finden.

Fragen nach und Hinweise auf Quellen: bittesehr!

Diffamierung ohne auf den Inhalt einzugehen: neindanke.

Warum ich seit einem Jahr kostenlos Flüchtlinge unterrichte.

Warum ich seit einem Jahr kostenlos Flüchtlinge unterrichte.

Heute nimmt nur ein Schüler an meinem Unterricht teil. Obwohl alle aus unserem Schulprojekt die A1-Prüfung prima bestanden haben, ist die Stimmung sehr gemischt. Einige bereiten sich auf Verhandlungen vor, etliche ringen mit der Depression. Nicht einschlafen können, Angst-Träume – zu den traumatisierenden Erfahrungen in ihrem jungen Leben kommt hier die Zermürbung durch das jahrelange Warten, die ablehnenden Bescheide der Erst-Instanz, die Nachrichten von Abschiebungen. Ohne Schlafmittel oder viel Alkohol geht kein Auge mehr zu. Die Neben-Folgen kann man von manchen Gesichtern ablesen…

Im Arbeitsbuch blicken wir gemeinsam auf die Bilder von „Pauls Kindheit“. Saed [Name geändert] beschreibt sie mit einigen Sätzen. Er hat die Inhalte richtig verstanden und kann sie erklären. Die Stellung der Hilfszeitwörter müssen wir noch üben.

Dann lesen wir im Buch:

„…und jetzt Sie! Was haben Sie gemacht?“

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Pause.

Bitte, erzähle von deiner Kindheit!

Saed:

Ich kann mich an meine Kindheit gut erinnern.

Ich musste früher viel arbeiten.

Ich musste jeden Tag arbeiten.

Auch Samstag und Sonntag.

Nur manchmal durften wir am Freitag ein paar Stunden früher aufhören.

Meine Eltern in Afghanistan waren gestorben, als ich eineinhalb Jahre alt war.

Dann ist mein Onkel nach Iran gefahren.

Später ist er nach Afghanistan zurück gefahren und hat uns bei Herrn Hadschi Omar [Name geändert] gelassen.

Ohne zu arbeiten hätte ich nichts zu Essen und Trinken bekommen.

Wir sind elf Kinder [dort gewesen.]

Jeden Tag mussten wir zehn oder elf Stunden arbeiten.

Wir haben auf einem großen Bauernhof gearbeitet.

Dort gibt es verschiedene Obst- und Gemüse-Sorten.

In den Obstgärten und auf den Gemüsefeldern haben wir gearbeitet.

Wir haben keine Zeit zum Spielen gehabt.

Wir haben um sechs Uhr in der Früh aufstehen müssen.

Zwanzig Minuten haben wir Zeit für Frühstück gehabt.

Um ein Uhr haben wir Mittagspause gehabt.

Bis sieben oder acht haben wir am Abend gearbeitet.

Abends sind wir so müde gewesen, dass wir manchmal nicht einmal mehr zu Abend essen konnten.

Als ich vielleicht acht Jahre alt war, sollte ich einmal ein Schaf halten, aber ich war nicht stark genug. Ich habe nicht los gelassen, so hat mich das Schlaf mitgeschleift, dass ich ganz blutig auf der Hand und am Bein war.

Wir bekamen nur Essen und ein Haus zum Schlafen.

Im Garten stand ein altes Haus mit drei Zimmern, dort schliefen wir zusammen auf Teppichen am Boden. Ich habe früher immer auf dem Boden geschlafen und schlafe auch jetzt meistens am Boden. Wenn ich auf dem weichen Bett schlafe, habe ich am Morgen Schmerzen am Hals und Rücken.

Manchmal sind wir im Teich schwimmen gegangen.

Aber die Ufer waren sehr sumpfig und mit Schilfrohr verwachsen.

Einmal ist ein Kind dort gestorben.

Es ist hineingesprungen und mit dem Kopf im Sumpfboden stecken geblieben.

Am Freitag sind viele Kinder dort Baden gegangen.

Aber es war kein schönes Wasser, es war schmutzig.

Am Morgen kam ein Auto uns abholen.

Manchmal ist eine alte Frau zu uns Kochen gekommen.

Sonst haben wir selbst gekocht.

Zu Essen bekamen wir Reis oder Kartoffeln.

Von der Arbeit nahmen wir Gemüse mit, oder Obst.

Wir arbeiteten in den Erdbeeren, Äpfeln, Wassermelonen, Zuckermelonen, im Weingarten, bei den Karotten, Paprika und viele verschiedene..

Es wurde in der Stadt verkauft und auch an eine Firma geliefert.

Ich wäre immer gerne Zahnarzt geworden, aber ich durfte nicht.

Im Sommer ging ich am liebsten zur Arbeit in den Weingarten, denn ich esse Weintrauben sehr gerne.

Grüne Bohnen, das war sehr schlecht für mich, das war eine sehr schwierige Arbeit. Dann hat mir immer der Rücken so weh getan und ich war sehr müde.

Hadschi Omars Vater war nicht so schlecht. Aber er ist bei einem Unfall gestorben.

Herr Hadschi Omar war sehr schlecht mit uns.

Er war Opium-süchtig.

Uns Kndern hat er, wenn wir vor Müdigkeit nicht mehr arbeiten konnten, Tee mit ein paar Tropfen Opium zu trinken gegeben, dann haben wir keine Schmerzen mehr gehabt und konnten weiter arbeiten.

Am Nachmittag waren alle Kinder müde, dann hat er ihnen Opium-Tee gegeben.

Wenn ich diesen Tee getrunken habe, musste ich immer erbrechen.

Zum Glück haben ich und einige Kameraden den Tee nicht vertragen.

Die anderen Kinder sind später alle Opium-Raucher geworden.

Herr Hadschi Omar ist sehr reich. Er besitzt viele Gemüse-Äcker und Obst-Plantagen.

Er hat drei Fabriken: eine Saft-Presserei, eine Verpackungs-Fabrik und eine Konserven-Fabrik.

Als ich elf oder zwölf Jahre alt war, kam eines Tages ein Mann zu uns, er hieß Tolbay [Name geändert] und stammte auch aus Afghanistan.

Er fragte mich: ‚Du arbeitest gut jeden Tag, wie viel bekommst du?‘

Ich habe gesagt: ‚Nichts. Nur Essen und einen Schlafraum.‘

Er hat gesagt: ‚Nein, das ist schlecht, komm lieber zu mir.‘

Aber Hadschi Omar sagte: ‚Nein, du musst bei mir arbeiten. Du bist mir viel Geld schuldig für das Essen und die Kleidung, die ich dir gegeben habe!‘

Bis dahin habe ich geglaubt, das sei für alle Menschen gleich, dass sie kein Geld bekommen, sondern nur für Essen und Schlafen für die Grundbesitzer arbeiten.

Nur arbeiten, habe ich gedacht, wachsen und dann sterben.

Ich habe mich bei Tolbay bedankt und eines Abends ist er uns mit einem Auto holen gekommen, mich und zwei Kollegen.

Er ist mit uns in eine andere große Stadt gefahren.

Zuerst hab ich befürchtet, dass Omar vielleicht zu mir kommt, um mich zu holen.

Jetzt habe ich jeden Tag mit Tolbay gearbeitet und jeden Tag gutes Geld bekommen.

Zum Beispiel du brauchst ein Haus und Tolbay kann selber alles für dich machen und baut dir das Haus. Mit Steinplatten haben wir gebaut.

In kürzester Zeit habe ich die Maurer-Arbeit gelernt.

Durch Tolbay habe ich viele Freunde gefunden.

Nach zwei Jahren mit Tolbay konnte ich schon gut selber Aufträge annehmen, wenn mich jemand gefragt hat.

Von da an habe ich immer als Maurer gutes Geld verdient.

Ich und mein Freund konnten oft anderen armen Menschen helfen.

Kühe töten Wanderin. Was durch die moderne Landwirtschaft verloren ging…

zeltlager ochse gedreht

‚Gehts weida!‘ – Vom Fia-Stehn und Weisn

Als ich 1960 auf der Mönichkirchner Schwaig, von einem wütenden jungen Stier verfolgt, gerade noch rechtzeitig über den Holz-Zaun sprang, belehrte mich mein Vater: „Man darf das Vieh nicht stören, Hansi. Die sollen in Ruhe grasen oder wiederkäuen. Man muss Abstand halten. Und bevor man eine eingezäunte Weide betritt, sucht man sich einen guten Stecken, einen großen Ast oder so. Weil manchmal glauben sie, dass sie was zum Fressen bekommen, oder sie suchen nach Salz und schlecken an einem. Aber wenn man mit dem Stock deutet und ‚Gehts weida!‘ ruft, dann gehen sie schon, dass man vorbei kann..Nur wenn ein Stier dabei ist, muss man aufpassen, dass man ihm und seinen Kühen nicht zu nahe kommt. Und besser keine grellen Farben anhaben, keine rote Hose…“

traditioneller holzstaun mit stangen

In den dürren Jahren der Not wurde jede Kuh gemolken. Die Bäuerinnen ließen der Kuh das Kalb zum Trocken-Schlecken und nach dem Melken durfte das Junge trinken. Auf die Weide ging dann die Mutter allein, das Kalb blieb im Stall oder im Obstgarten hinterm Hof. Oder die Milchkuh bekam einen Jute-Sack ums Euter gebunden, damit es sein Kleines über Tag nicht leer trank.

Oft sah ich die kleinen Kolonnen im Gänsemarsch zum Melken heimkehren. Sie schlurften mit prallen Eutern und vollen Bäuchen schön brav am Rande der Fahrbahn dahin, oft ganz alleine, ohne menschliche Begleitung; oft auch war ein Kind ausgeschickt worden, sie zu holen.

Für das Treiben des Viehs gab es Hohlwege, geschlossene Holzzäune und Gatter, oft waren alle Hausgärten und Häuser durch miteinander verbundene, schön geflochtene Zäune aus Rinde und Stangenholz von der Straße abgetrennt und die heimkehrenden Milchspenderinnen schritten gemächlich durch, bis zur offenen Stalltür.

Manche Hausfrau stieß einen schrillen Schrei aus, wenn ihre zum Trocknen rausgehängte Wäsche in Gefahr war, doch die allermeisten Landbewohner wussten, wie man mit den Tieren um-geht. Sie kannten den Brauch des Weisens und Fia-Stehns, also wie man sich einer Kuh in den Weg stellt, den sie nicht nehmen soll, einen Stab auf der unerwünschten Seite und die Arme weit ausgestreckt. Wie ein Verkehrspolizist. Ja. Aber gelernt haben die Polizisten diese Stellung einst vom Viecher-Weisen.

Wie man dann redet dazu. Was man da sagt. Wie man ihr zu-redet. Wie man ihr Zeit lässt und wie viel Raum man ihr seitlich lassen muss, damit sie umkehren kann, wenn sie wo falsch abgebogen war. Niemandem fiel etwa ein, so eine Kuh zu füttern oder anzulocken, um sie zu streicheln.

Pinzgauer Zaun

Kriegsgerät als Einfriedung für das liebe Vieh

Die erste Segnung der modernen Landwirtschaft war der Stacheldraht, der seinen Weg aus dem Grabenkrieg des Ersten Weltkriegs zuerst in die Viehhaltungen des Flachlands und schließlich in den sechziger Jahren bis zu den Bergbauern und auf die Almen fand.

Dieses Produkt der Schwerindustrie, hergestellt in riesigen Anlagen, vereinfachte die Arbeit des Zäunens, also des Errichtens und Ausbesserns der Weide-Begrenzungen enorm. Aus wochenlanger Tätigkeit, vom Stangen Schneiden, Entasten, Drehen der langen Rinde-Streifen über dem Feuer und schließlich dem Errichten des Holzzauns, je nach regionaler Überlieferung „geflochten“ oder mit schrägen, langen Schleifholz-Stangen – wurde wenige Tage oder gar nur Stunden.

Für das Jungvieh brauchten die Bauern nur drei bis vier Linien spannen, im Herbst für die Milchkühe und zur Unterteilung der Weiden reichte oft eine einzige Stacheldrahtlinie aus.

Die Bauern-Funktionäre aller Parteien, die Landwirtschafts-Berater und die Lehrer in den Landwirtschafts-Schulen schwärmten von dieser Neuerung. Sie machten günstige Angebote und förderten die Vergabe von Krediten. Denn was der Tierzüchter bisher aus dem eigenen Wald hergestellt hatte, dafür musste er jetzt Bargeld geben. Dafür gab es Arbeit in der Fabrik im Tal, in die viele Bergbauern jetzt täglich zur Schicht gingen…

stachldraht paint

Kein Mensch verschwendete angesichts solchen Fortschritts einen Gedanken an die hartnäckig eiternden Verletzungen der Kühe, aber auch Rehe durch dieses Kriegsgerät, geschweige denn daran, dass sich dieser Draht nicht wie sein Vorgänger aus Holz nach Jahren einfach zu Heizmaterial oder Dünger verwandelte, sondern mühsam entsorgt werden sollte, was oft nicht geschah. So ziert an vielen Stellen das Andenken an die erste Stacheldraht-Zaun-Generation mit tiefen Narben große Fichtenstämme oder lauert im krautigen Waldboden an strategischen Stellen auf die nackten Füße vertrauensvoller Schwammerl-Sucherinnen.

Binnen einer Generation verkam eine bis dahin auf jedem Hof unentbehrliche, handwerkliche Fertigkeit zu einer vagen Erinnerung. Der Großvater und der alte Ähnl durften noch jahrelang einige Zaunstücke ausbessern. Dann, es war als die kleine Bergstraße asphaltiert wurde und sie das alte Haus wegrissen, flog die Hoanzl-Bank zum Sperrmüll und die Reifmesser, die jetzt keiner mehr brauchte, zum Alt-Eisen.

Im Berggebiet führte die Umstellung auf Stacheldraht zu einem starken Rückgang der Schaf- und Ziegen-Haltung. Während die alten Naturholz-Zäune bis zu Kniehöhe Lämmer-dicht gebaut werden konnten, spazierten die kleinen Lämmer unter den Draht-Linien durch wie nix und die Schafe waren nicht zu halten. Das gab Ärger mit den Jagd-Pächtern und so wurden die Schafe kurzerhand abgeschafft. So blieben der jungen Generation auch bald die kratzigen Schafwoll-Socken erspart, man wollte sich nicht genieren, jetzt war bunt gemusterter Kunststoff in Mode.

Strom-Schläge für unsere Milchkühe

Mit dem Straßen-Bau bekamen auch die Einschicht-Höfe schließlich Anschluss an das Stromnetz und alsbald sollten die Kühe diesen Fortschritt kennen lernen. Im alten Stall bestand alles aus Holz, vom Bauern selbst gezimmert, und die Kühe ruhten auf glatten Bohlen-Brettern. Ab der Mitte der Kuh wurde Stroh eingestreut und der Mist mit der Gabel zwischen und hinter den Tieren entfernt.

Um jetzt Stroh und Arbeitszeit zu sparen, kam der ‚Kuh-Trainer‘ als nächste Errungenschaft von unseren englischsprachigen Raum in die Ställe österreichischer Bergbauern: Trat die Milchkuh vor dem Urinieren nicht zwei Schritte auf ihrem Kurz-Stand zurück, erhielt sie, während sie ihren Rücken hoch auf-wölbte einen saftigen Stromschlag von der Drahtlinie, die über den Tieren gespannt war. Das laute Ticken des Weidezaun-Geräts, das im Stall zwischen den Fress- und Verdauungs-Geräuschen der Kühe zu hören war, erinnerte daran.

Niemand kam damals auf den Gedanken, dass sich der sanfte Umgang mit dem Milch-Vieh, die Kultur-Technik des Haltens, Hütens und Weisens, in tausenden Jahren entwickelt hatte. Viele kleine Werkzeuge und Kunstgriffe, die eigene Bezeichnungen hatten, sind heute bereits ausgestorben.

Die für die Industrie charakteristischen, unnachgiebigen, strengen Werkzeuge hielten Einzug und veränderten den Charakter des Umgangs zutiefst: Elektrizität, Stahl und Beton. Diese Drei schufen neue Möglichkeiten und Härten, wo früher ein zähmender und beruhigender Umgang unverzichtbare Voraussetzung für gutes Auskommen mit dem Vieh und erfolgreiche Haltung darstellte.

Zwar waren die Kühe damals mit Ketten am Futter-Barren angebunden, doch der tägliche Kontakt mit der Bäuerin und dem Bauern, das Hand-Auflegen, wenn sie zwischen durch mussten, das Füttern von Hand mit teils händisch geworbenem Heu, das Hand-Melken, Führen am Strick mit dem flink geschlungenem Strickhalfter, das Tränken, das Austreiben im Schnee zur Durchlüftung – all das stellte eine besondere Qualität einer Beziehung her, die mehr durch Gefühle und Laute, durch Stimmungen und das gemeinsame Wahrnehmen der Witterungen gekennzeichnet war, als durch klar beschriebene Funktionsweisen. Oft begleitet von Singsang und Lockrufen, spezifischen Rufen für Kälber, Ochsen oder Kühe.

kühe an der tränke Segantini, südtirol 1888Kühe an der Tränke, Segantini, Südtirol 1888

Als ich im Pinzgau, Mitte der Siebziger Jahre, als Schafler für 600 Mutterschfe, und Hiater für 96 Stück zwei- und drei-jährige Kalbinnen auf die Alm ging, gehörte es zu meinen Aufgaben, das Vieh jeden vierten Tag ‚ins Maul zu salzen‘. Diesen riesigen, gehörnten Fleisch-Kolossen, die um mich herum drängten und stupsten, musste ich je eine Faust voll Vieh-Salz durch die Lücke nahe des Mundwinkels, wo sie keine Zähne haben, bis tief ins Maul auf die raue Zunge stecken. So hielt man die Tiere dort Hand-zahm, um sie nach dem Alm-Abtrieb ohne große Schwierigkeiten wieder an das Leben im Tal zu gewöhnen: den Stall, die Nähe der Menschen, das Melken.

rinder salzen(deutscher Caritas-Helfer beim ‚Salzen‘ auf einer Schweizer Bergweide)

 

Vom Mangel zum Überschuss

In der Nazi-Zeit erfuhr Österreich die größte Ausdehnung landwirtschaftlich genutzter Flächen. Gleich nach der Annexion der ‚Ostmark‘ ließ Hitler die hiesigen Butter-Reserven ‚heim ins Reich‘ transportieren, wo schon seit Jahren großer Mangel an Milchprodukten herrschte.

Im Krieg waren viele herkömmliche Transport-Wege abgeschnitten, ganze Landschaften zerstört und die Armee brauchte andauernd Nachschub. Auf den Höfen fehlten bald die Söhne und das ‚Dritte Reich‘ warb mit Werbekampagnen in Frankreich und Rumänien GastarbeiterInnen an.

In den eroberten Gebieten wurden viele Kriegsgefangene als Zwangsarbeiter nach Österreich und Deutschland geschickt. Einzelne werkten auf Bergbauernhöfen, wo es verboten war, dass sie mit der Familie am selben Tisch saßen. Größere Gruppen wurden auf Gutsbetrieben geschunden, als Außenstellen des KZ Mauthausen geführt. Bei gekürzter Lebensmittel-Ration und einem Nachtquartier auf nackter Erde im Keller hatten sie täglich Schwerstarbeit zu verrichten.

Diese billigen Arbeitskräfte ließ man Bergwiesen und Hochalmen schwenden, sumpfige Weiden trockenlegen, Holzzäune und Steinmauern bauen, steile Wege für die Tiere gangbar machen und Ziegen, Schafe und Jungvieh auf unzugänglichen Bergweiden hüten.

ochsenkarren

In den letzten Jahren des Krieges und der verbrecherischen Diktatur, sowie in der Not der Nachkriegsjahre mussten an vielen Orten die letzten Kühe daran glauben und die Menschen litten unter Hungersnöten, besonders in den Städten.

Aufgrund der herrschenden Milch- und Butter-Knappheit in den Fünfziger Jahren wurde eine Subventionspolitik beschlossen, die den Bauern den Verkauf ihrer Milch zu staatlich garantierten Abnahmepreisen sicherte. Das führte zu einem sprunghaften Anstieg der Produktion, bis diese gegen Ende der 1970er-Jahre den Bedarf schließlich überstieg.

Als Gegenmaßnahme wurde 1984 das Milchkontingent eingeführt, welches dem einzelnen Betrieb weiterhin die Abnahme einer gewissen Menge zum gestützten Preis garantierte, jedoch Milchlieferungen, die das Kontingent überschritten, mit einem schlechteren Preis bestraften.

Doch die Bauern hatten sich beraten lassen. Sie hatten investiert: Stall-Neubau, Eimer-Melkmaschinen, Mist-Förderbänder, Mist-Streu-Wagen, vom neuen Traktor angetrieben und mehr. Im Berggebiet wurden die sogenannten Mulis – automatisierte Ladewägen mit tiefem Schwerpunkt – zur Heu-Werbung und zum Mist-Führen auf Steilflächen angeschafft. Auf Kredit, versteht sich. Jetzt lieferten sie auf Teufel-komm-raus Überkontingent-Milch, um ihr Kontingent anheben zu lassen.

 

Neue Rassen, neue Krankheiten

Die modernsten Bauern in den Alpen-Regionen griffen auch in der Viehzucht nach den neuen Rezepten ihrer Berater aus den diversen Agrar-Lobbys. Stolz präsentierte der Hotelier und Almbesitzer auf seinen fetten Gründen am See seine frisch importierten Texel-Widder den aufgeschlossenen, jungen Bergbauern, die nach neuen Wegen suchten, um in der Landwirtschaft erfolgreich zu sein.

‚Gebrauchs-Kreuzung‘ und F1-Generation waren Modewörter, die sie in der Winter-Schule gelernt hatten. Würden sie die beiden Texel-Jungböcke mit ihren sechshundert Mutterschafen gemeinsam auf die Alm auftreiben, gäbe es dann Schlachtlämmer mit besserer Fleisch-Ausbeute, die würden von den Metzgern gern gekauft und erzielten einen besseren Preis als die Bergschafe mit ihren langen, knochigen Haxen.

texel

Dass er mit den Texel-Schafen eine in Schaf-Ländern weit verbreitete Huf-Krankheit eingeschleppt hatte, die bisher in Österreich völlig unbekannt war, wurde ihm erst nach einigen Jahren (!) bewusst, wie er mir erzählte. Da hatte jene ‚Geißel der Schafzucht‘ ihren Weg bereits auf zahlreiche Almen der Pinzgauer Tauern gefunden. Ade, Gesundbrunnen Alm!

Als es nicht mehr zu verdrängen war, weil die Mehrzahl seiner Schafe schwer humpelten und kein Ausschneiden der eitrigen Klauen-Teile mehr half, suchte er schließlich nach Informationen und fand sie bei deutschen Tierärzten. Da erinnerte er sich, dass schon beim Aussteigen aus dem Viehwaggon einige Zucht-Tiere arg humpelten. Auf seine kritische Frage beruhigte ihn der ansässige Amts-Tierarzt, die Schafe hätten sich nur beim Transport leicht verletzt, das sei normal und würde sich bald geben.

Doch die Moderhinke hält sich in abgefallenen Huf-Teilen über 40 Jahre lang und wird weder von seinen sumpfigen Wiesen-Stücken noch von den Almen jemals wieder verschwinden.

schladming

Flachland-Bewohner auf der Alm

Beim Almauftrieb schon blieben die kurzbeinigen Fleisch-Schafe hechelnd weit hinter der Herde der einheimischen, erfahrenen Berg- und Steinschafen zurück, um sich anschließend auf einige saure Gräben im untersten Bereich der Alm zu verteilen, wo sie in kleinen Gruppen nahezu unbeweglich den ganzen Alm-Sommer standen.

Die Kreuzungs-Lämmer wuchsen prächtig, waren aber oft nach vier Monaten in den Bergen so wild, dass sie wie Gämsen pfauchten, pfiffen, und sich bei Annäherung der Menschen von der großen Herde trennten und in die wildesten Felsen und Waldgebiete flüchteten, sodass vier Stück dieser Sorte beim Alm-Abtrieb mehr Arbeit verursachten als die sechshundert-köpfige Herde.

Seit jeher gab es in diesen Alpentälern jeweils einige bekannte Berg-Läufer, die in solchen Situationen um Hilfe gebeten wurden. Gelang es einem solchen, eines der Tiere ins Tal zu bringen, wurde es beim Fest im Herbst gemeinsam verzehrt. Doch diese Ausgeburten moderner Tierzucht konnten nicht alle eingefangen werden, so wurden sie schließlich zum Abschuss an die Jägerschaft freigegeben.

Oft zögerten kleine Schafhalter, weibliche Lämmer dieser Gebrauchs-Kreuzung zu schlachten und ließen sie zu Mutterschafen heranwachsen. Sie ignorierten dabei die Tatsache, dass die guten charakterlichen Eigenschaften durch Generationen von Schafzüchtern mit beständiger Selektion nicht nur nach den Kriterien des Marktes, sondern den Kriterien des Überlebens im Berggebiet unter schwierigsten Bedingungen und mit einfachsten Mitteln entwickelt worden sind.

Niemand führt Buch über die Missgeschicke, die durch solche Tiere entstehen. Keiner kann die tatsächliche Bilanz dieser Neuerung mit all ihren Schäden gegenüber dem Nutzen abschätzen.

Wo es bei den Schafen die Einfuhr von Texel- und Schwarzkopf-Widdern war, so war es bei den Rindern der Import von Hochleistungs-Milch-Rassen aus dem Flachland, wie Holstein-Friesen. Nie werde ich das Bild vergessen, als die 27 schwarz-weißen Holstein-Färsen, manche fast schwarz, manche fast weiß, auf dem obersten kleinen Plateau der Viehweide, am Fuße der steilen Felsen der Schafweide brüllend im Schnee herumliefen, als wollten sie ihre Besitzer anklagen, sie sollten doch das Tor zur grünen Weide öffnen. Sie waren während des Wetter-Umschwungs im Schnee-Treiben immer höher gestiegen.

Sämtliche andere Rinder, alle von alpenländischen Rassen, die Pinzgauer mit dem weißen Strich am Rücken, die Flecken und die Braunen, sowie einige Murbodener waren schon am Vorabend zügig talwärts gegrast und standen gut geschützt in den Erlen-Gräben, wo sie zufrieden die Blätter und kleinen Zweige mit ihren großen Zungen in ihre Mäuler zogen.

Wer in den Bergen aufgewachsen ist, ob Mensch oder Tier, der kennt die Wetter-Umstürze, weiß, wie die Luft nach Schnee riecht, oft schon ein, zwei Tage bevor die ersten Flocken fallen. Ein Gewitter im Hochgebirge ist etwas ganz anderes als in der Ebene. Die Blitze schlagen neben dir in die Felsen ein, dass es metallisch scheppert und nach Schwefel riecht…

ochsengespann in sardinien(Ochsen-Gespann in Sardinien)

 

Modern: überversorgt und wild?

Salz ist das wichtigste Mittel zum Zähmen der Schafe, Ziegen und Rinder. In der Wildnis ist die Suche danach eine der Haupt-Beschäftigungen der Wiederkäuer. Ohne Salz funktioniert die Osmose schlecht, der Flüssigkeits-Transport von Zelle zu Zelle. Es treten Mangel-Erscheinungen und vermehrt Krankheiten auf. In salzarmen Gegenden ist der Wildbestand nur ein Zehntel von jenem in salzreichen Gebieten.

Durch Salz-Geben jeden vierten Tag in Verbindung mit einem Lockruf und oft körperlichem Kontakt wird die Domestikation stets aufs Neue gefestigt. Als die Schaf-Haltung durch die Einführung des Stacheldrahts und die Feindschaft der Jagdherren und Jagdpächter von den Almen weitgehend vertrieben ward, begann sie im Tal etwa ab Ende der Siebziger Jahre als Alternative zur schlecht gehenden Milchwirtschaft.

Jetzt war neues Drahtzaun-Gittergeflecht angesagt und dazu Lecksteine mit Mineralstoffen. Mit Salz ist kaum Profit zu machen, mit dubiosen Mineral-Lecksteinen schon. Durch die Flächen-deckende Landwirtschafts-Beratung von Lagerhaus und Co sah man diese Lecksteine bald auf jeder zweiten Viehweide, ja, sogar auf Almen. Dass dabei der wichtigste Ur-Kontakt zwischen Mensch und Tier verloren ging, fiel der neuen Generation von Landwirten nicht auf.

In den folgenden Jahrzehnten blieb die Milch-Produktion wesentlich höher als der Verbrauch. Der Preis der Milchprodukte auf dem Weltmarkt sank zunehmend und der Staat kaufte immer mehr Überschüsse, der dann gelagert und gekühlt werden mussten: der so genannte Butterberg. Noch 2003 betrug der Lagerstand in den Interventionslagern der EU 223.000 Tonnen Butter.

Um jetzt die Überproduktion einzudämmen, wurden verschiedenste Maßnahmen, wie die Stilllegungs-Prämie, Ab-Hof-Verkauf-Förderung, Düngeverbote uvam verordnet. Doch die Folgen-schwerste Richtungs-Änderung bestand in der Förderung und Beratung zur Umstellung auf die sogenannte Mutterkuh-Haltung.

mutterkuh u kalb

Etwa ab Mitte der Achtziger Jahre lehrten fortschrittliche Lehrer an Landwirtschafts-Schulen und -Gymnasien ihre bäuerlichen Schüler alternative Wirtschafts-Weisen, um trotz der Überschuss-Krise auch in Zukunft ein gutes Familien-Einkommen zu erzielen: Schaf- und Bienenzucht, Urlaub-am-Bauernhof, Selbstvermarktung, Sonderkulturen (Beeren-Obst, Kräuter,..), sowie die Umstellung von Milch- zu Fleischproduktion.

Das sei die Alternative, hieß es, denn der Welt-Rindfleisch-Bedarf steige jährlich und sei noch lange nicht gedeckt. Dazu gab es hohe Förder-Gelder für die Umstellung, wenn dadurch Milch-Kontingente frei wurden und Export-Förderung für Fleisch und Zucht-Tiere.

Diese Generation Bauern kannten das Halten, Hüten und Weisen (Holdn, Hiatn und Weisn) großteils nur mehr vom Hören-Sagen ihrer Großväter. Sie hatten das Holz abgeschafft, in Stall und Weide. Den Eimer-Melk-Anlagen waren die Rohr-Melk-Anlagen gefolgt, dann mit dem neuen Stall der Fischgrät-Melkstand, gekühlter Milch-Tank und schließlich der Melk-Computer, wo die Tiere nicht einmal mehr beim Melken irgendeinen Kontakt zum Menschen, sondern nur mehr zum Futter-Automaten haben.

Inzwischen hat die industrielle Landwirtschaft und Tier-Produktion mit ihren schockierenden Auswüchsen bei vielen Menschen derartige Ablehnung hervorgerufen, dass eine ganze Generation von Vegetariern und extremen Tierschützern, Tierrechts-AktivistInnen, herangewachsen ist, welche, von Quoten-geilen Medien und Wählerstimmen-geilen Politikern angefeuert, durch neue gesetzliche Bestimmungen und neue Einstellungen – auch unter den Bauern – den traditionellen Kontakt mit dem Vieh zu Streichel-Zoos und Freilauf-Idyllen umändern.

Stroh als Einstreu haben diese modernen Bauern größtenteils abgeschafft. Die Kühe stehen Tag für Tag auf Spalten-Boden aus Stahl. In den ertragreichsten Regionen wurde der Weidegang abgeschafft. Die Milchkühe stehen das ganze Jahr im neuen Laufstall. Sie werden automatisch gefüttert, der Bauer betätigt nur mehr die Maschinen. Kontakt mit Menschen haben sie bestenfalls zwei Mal im Jahr, wenn im halb-automatischen Klauen-Stand ihre Hufe bearbeitet werden. Die Arbeits-Ersparnis diktiert die Lösungs-Angebote der Industrie. Kot und Urin werden in immensen Beton-Reservoirs mit Regenwasser gemischt und mit riesigen Gülle-Fässern hinter riesigen Traktoren auf die Wiesen und Felder versprüht.

Durch die fortschreitende Modernisierung hatten sich die Milch-Bauern schon so weit vom alten, Arbeit-aufwendigen und Kontakt-reichen Umgang mit den Kühen entfernt, dass sie die letzten Schritte zur Umstellung auf die Mutterkuh-Haltung wohl kaum in ihrer ganzen Tragweite wahr nehmen konnten, als sie vor zirka 30 Jahren mit den Umstellungen begannen.

 

Unberechenbare Mutter-Eigenschaften

Um die Problematik richtig zu verstehen, ein kurzer Ausflug in mein Wanderschäfer-Leben: Als ich vor vierzig Jahren beschloss, die Ablammung meiner Herde – die täglich gehütet wurde und täglich zu Fuß ein Stück weiter zur nächsten Weide wanderte – unterwegs zu bewältigen, erklärten mich die Berufs-Kollegen in der BRD für verrückt. Kleine Lämmer müssten im Stall oder auf einer Stand-Weide, in einer fixen Koppel zur Welt kommen, die Mutterschafe bräuchten mindestens zwei bis drei Wochen Ruhe vom Hund und vom Wandern.

Doch diese Möglichkeiten hatte ich nicht. Ich hatte weder irgendeinen Stall, noch einen eigenen Platz, wo ich ein dauerndes Gehege hätte aufstellen können. Also versuchte ich es und entwickelte in vielen Jahren das deutsche System des Schafe-Hütens so weiter, dass es möglich war, über das ganze Jahr verteilt, während dem Hüten Geburten auf der Weide zu haben und kleine Lämmer von ein, zwei Tagen, usw., mitgehen zu lassen.

Dadurch konnte ich jahrzehntelang das Verhalten der Mutterschafe studieren, welches viele Ähnlichkeiten mit dem Verhalten von Mutterkühen aufweist. Ich lernte meinen Hüte-Hunden, dass ein Neugeborenes und seine Mutter die ersten 24 bis 48 Stunden tabu ist (Kommando: „Lass dass Schaaf!“).

Wenn das nicht eingehalten wird, flüchten die Mütter entweder in die Herde (Typ C) und beachten ihr Junges nicht mehr. Oder sie drohen beständig dem Hund, statt Gras zu fressen und ihr Kleines zu säugen. Etwa ein Viertel greift die eigenen Hunde an, wenn sie in die Nähe kommen, und verfolgt sie wütend. Dabei versuchen sie den Hund mit dem Kopf zu stoßen.(Typ B) Etwa jede Zehnte erregt sich dabei so heftig, dass sie jede Gefahr völlig ignoriert und weder Verletzungen durch Hunde-Zähne, noch Geschrei und Stock-Schläge sie von ihrem Verhalten abbringen kann, solange der Hund nur in Sicht ist.(Typ A)

Auch Menschen, die das Lamm ein Stück weiter tragen wollen, sogar die gut bekannten, können von solchen Schafen gefährlich gestoßen werden, wenn es ihnen nicht gelingt, dem Schaf schnell genug das Lamm vor die Nase zu halten.

Manche Schafe gehen eine halbe Stunde nach der Geburt mit ihrem Lamm anstandslos an der Herde mit. Andere lasse ich an einer günstigen Stelle zurück und hole sie später (ohne Hund) zu Fuß oder mit Auto und Anhänger nach.

Ab dem dritten Tag gibt es keine Sonderbehandlung mehr, dann müssen sich die Mütter dem Hund unterordnen und mit ihren Kleinen in die Herde einfügen. Dann habe ich sie also beim Hüten an Straßen und Wegen dabei und es entstehen folgende Situationen:

– Erwachsene oder Kinder nähern sich von der Seite der Herde, wo der Schäfer und sein Hund weit weg ist und versuchen, kleine Lämmer, die schlafen, zu fangen, um sie zu streicheln. Ein B-Schaf hört sein Junges schreien, schaut, sieht die Besucher, kommt angetrabt und schnaubt drohend. Wird das Lamm dann nicht schon fallen gelassen, stoßen manche Mütter.

– Erwachsener nähert sich mit einem Hund an der Leine, oder, noch schlimmer, leint seinen Hund an, nachdem dieser bereits ein paar Lämmer aufgescheucht hat und versucht, direkt an der Herde vorbei zu gehen. Hier gibt es Fälle, wo gar nichts passiert. Wenn die Herde hungrig ist und die jüngsten Mütter der C–Gruppe angehören, gibt es keinerlei Reaktion. Ich belehre dann den Hunde-Besitzer, dass das nur ein Glück war und immer gefährlich ist. Er glaubt mir nicht.

– Das nächste Mal sind die Tiere nicht so hungrig und eine A-Mutter steht am Rand, als der Mann an der Herde vorbei will. Ohne jede Vorwarnung stürzt sie los, um sich auf den Hund zu werfen. Der Hund macht einen Satz zurück und das Schaf rennt in die Beine des Menschen, die dabei entweder gebrochen, oder so aufgehoben werden, dass Derjenige unsanft am Boden landet.

Spätestens hier habe ich bereits eingegriffen.

 

mutterkuh u kälber

Gefährliche Unberechenbarkeit mit 700 kg Körpergewicht

Nicht so bei den „Mutterkühen“.

Hier greift keiner ein. Die sind alleine auf der Weide und viel größer als Schafe. Und sie sind sich ihrer Stärke bewusst. Sie haben höchstens vor Menschen Respekt, wenn deren Arm durch einen großen Stock verlängert scheint und dieser hoch erhoben und bewegt wird.

Wenn hier kleine Kälber mit auf der Weide sind, betreten Wanderer ein neues Universum im Vergleich zu allem, was uns früher von Kühen, Stieren und Jungvieh bekannt war:

Das Verhalten des einzelnen Muttertieres ist nicht vorhersehbar für den Züchter. Solange es zufällig keinen Vorfall gibt, kann sie das ruhigste Wesen zeigen. Auch ist jede Schwangerschaft anders und die selben Tiere reagieren nicht immer gleich. Es ist also unmöglich, dieser Gefahr durch Zucht und Selektion auszuweichen, denn niemand kennt sie genau.

Auf Weiden, welche durch einen Wanderweg gequert werden, beginnt bei sommerlichem Schönwetter das Russische Roulett. Herr Meier ging dieses Jahr schon dreimal mit seinen beiden Hunden durch die Weide und nie ist irgendwas passiert. Herr Meier war bei Schönwetter unterwegs. Bis er zu der Stelle aufgestiegen war, stand die Sonne hoch am Himmel und die Kühe rasteten mit ihren Kälbern im Halbschatten am Waldrand. Oder sie standen, die Köpfe im Kreis im Schatten der anderen zusammen und waren wegen der Hitze an gar nichts interessiert.

Das erschließt sich Herrn Meier nicht. Er sagt den beiden Frauen, es sei ungefährlich, sie sollten nur, wie er, auf dem Pfad bleiben.

Die beiden Frauen kommen von oben. Es ist ein regnerischer Tag und später Nachmittag. Ihr kleiner Dackel bellt. Als die Kühe heranstürmen, rutscht die Eine aus…

Zu viele Faktoren. Nicht berechenbar. Viel zu wenig Kontakt, um wirklich was sagen zu können über die jeweilige Tages-Situation. Über die Stimmung der Tiere etwa vor einem Gewitter. Wenn sie von Insekten geplagt werden. Von einem wütenden Wespen-Schwarm angegriffen werden. Ich könnte noch zwanzig weitere Unruhe-Faktoren anführen, die überall passieren können.

Diese Unberechenbarkeit stellt die größte Gefahr dar. Dass es gut sein kann, dass einige Sommer lang nie etwas passiert. Und dann aber doch. Entgegen aller Erwartung.

Dass hier der Umstieg auf Fleischrassen erfolgte, die oft von weit her, aus ganz anderem Klima und anderer Landschaft importiert werden, mag einen zusätzlichen Faktor der Unsicherheit und Gefährdung darstellen, wo sich doch die traditionellen Rassen in einem langen Adaptions-Prozess über Generationen den spezifischen Gegebenheiten des Alpenraums angepasst haben. Rinder-Populationen, die schon länger in halbwilder Haltungsweise gezüchtet wurden, reagieren viel weniger zahm, als beispielsweise das Fleckvieh.

angus mutterkuh und kalb(Red Angus Mutterkuh und Kalb)

Wie Schafe sind die Kühe Herdentiere. Doch auf vielen Kuh-Almen, wo schon Jahrzehnte lang nicht mehr mit Hunden gehütet wurde, zerstreuten sich die Kühe in losen Gruppen über weite Teile der Weiden. Das Jungvieh, oft in Gesellschaft der Gefährten aus dem Stall des selben Bauern ging wochenlang in verschiedene Teil-Bereiche der Alpe und verharrte dort.

Doch wenn Kälber geschützt werden sollen, stellen sich die alten Reflexe der Herden-Bildung zur Verteidigung wieder stärker ein. Und man kann davon ausgehen, dass zufälliges aggressives Verhalten mit erfolgreichem Ausgang der Situation bei den Rindviechern Schule macht. Diese Tiere sind soziale Wesen und die Nervosität eines einzelnen Tieres kann sich ausbreiten und zur Gewohnheit der ganzen Herde werden.

Auch ohne das Mitführen eines Hundes kann es zum Beispiel leicht passieren, dass sich die Tiere in die Enge getrieben fühlen. Etwa wenn eine größere Familie auf einem Wanderweg in einen schmalen Teil der Weide spazieren und die Tiere, die neugierig sind ihnen erst folgen, sie dann überholen und plötzlich meinen, sie sollten jetzt eingesperrt werden, usw.

Dabei gilt, dass je größer die Herde ist, desto ruhiger, desto sicherer fühlen sich die einzelnen Tiere. Doch wir können davon ausgehen, dass sich das Schutz-Verhalten von Mutterkühen über die Generationen, von Mutter zu Tochter, noch erheblich verstärken wird. Dass die wütenden Muttertiere lernen, wenn sie einmal erfolgreich einen Menschen zu Boden gestoßen haben, nicht von ihm abzulassen, bis die Gefahr vernichtet ist, ist zu erwarten. Ebenso wie zu erwarten ist, dass so etwas eben nicht bei jeder Begegnung passiert.

In Großbritannien wurden seit dem Jahr 2000 mindestens 74 Menschen durch Rindviecher getötet.

In Österreich traf es nicht nur „leichtsinnige Touristen“ oder „ignorante Städter“, nein auch Einheimische, ja sogar eine Bäuerin selbst, die ihren Mann vertrat. Er lag im Spital, als sie mit dem Haushund auf die Weide ging. Dass sie dann – schwerverletzt – auch im Spital und nicht auf dem Friedhof landete, verdankt sie ihrem elfjährigen Sohn, der den Rettungs-Hubschrauber rief und die Tiere so lange in Schach halten konnte.

Besonders ältere Wanderer, die sich nichts sagen lassen, weil sie ja überzeugt sind, zu wissen, wie man sich beim Vieh verhält, sind gefährdet. In ihrer Jugend gab es diese spezielle Gefahr nicht und jetzt meinen sie, man wolle sie über das allgemeine Verhalten dem Vieh gegenüber aufklären.

kuh beschlagen

 

St.Galler Tagblatt, 9.Feb 2011:„Wenn Mutterkühe Menschen töten“

„Konflikte zwischen Wanderern und Mutterkuh-Herden auf Alpen sind zwar selten, aber gefährlich: 2010 kam es auf St. Galler Weiden zu zwei Todesfällen. Der Umgang mit Mutterkühen war das Thema an der Ostschweizer Wintertagung des Schweizerischen Alpwirtschaftlichen Verbandes. …

Über 200 Alpfachleute und Behördenmitglieder aus Ostschweizer Kantonen diskutierten am vergangenen Freitag in Wangs über das Thema, das 2010 traurige Aktualität erlangt hatte: Auf St. Galler Kuhweiden starben eine 68jährige Frau und ein 80jähriger Mann bei Angriffen von Tieren aus Mutterkuhherden.

Mutterkuhhaltung im Trend

Wie Regula Schneider, Leiterin Kommunikation des Verbands Mutterkuh Schweiz, sagte, werden in 5000 Schweizer Betrieben 100 000 Mutterkühe gehalten – Tendenz steigend. …“

Unter anderem meinen die Schweizer Fachleute, dass der Beschützerinstinkt der Kuh geweckt würde.

„Dass einerseits das Wandern zunimmt und anderseits die Zahl in Freilaufställen gehaltener Tiere, die dadurch weniger gut an Menschen gewöhnt sind.

Den Viehhaltern empfiehlt Schneider, «ruhige, unauffällige Tiere» zur Zucht beizuziehen und Kühe mit neugeborenen Kälbern abseits von Wanderwegen zu halten. Ihre Empfehlung an Wanderer: Zum Rindvieh Distanz halten, Kälber nie berühren, Hunde an die Leine.“ – Was für ein problematischer Tipp, in dieser allgemeinen Formulierung, ohne dazu zu sagen, dass bei einer Entdeckung des Hundes durch die Kühe dieser sofort von der Leine frei zu lassen ist! Und wehe dem, dessen Hund sich dann hinter seinem Besitzer versteckt!

Unvorsichtige Wanderer

Weiter betonte Schneider, „dass die meisten Unfälle nicht auf Wanderwegen geschehen, sondern wenn Wanderer unvorsichtigerweise eine Weide durchqueren. Zudem verstünden die Wanderer die «Sprache» der Kühe nicht, beispielsweise dass ein gesenkter Kopf Angriffslust bedeutet.“

„Die vorgeschriebenen Warntafeln vor Mutterkühen auf Alpen seien eine gute Sache, «doch viele Wanderer kümmern sich nicht darum». Diese Erfahrung machte die Versicherungsfachfrau Trudi auf der Maur. Bei Unfällen im Zusammenhang mit Mutterkühen sei die Entwicklung der Rechtsprechung noch unklar, weil es sich um ein neues Phänomen handle.Wie sie zum Versicherungsschutz ausführte, ist bei Tieren der Tierhalter verantwortlich. (Ende Zitat St.Galller Tagblatt)

kampf der kühe

In Tirol denkt man darüber offensichtlich anders: „Strafrechtlich hatte der Vorfall für den Landwirt keine Konsequenzen. Jedoch fordern die Hinterbliebenen nun 360.000 Euro Schadenersatz. Der Prozessverlauf wird vom österreichischen Landtagsabgeordneten und Bauernbund-Mitglied Martin Mayerl „mit Sorge“ beobachtet, berichtet das Agrarische Informationszentrum. …

‚Wenn diese Klage Erfolg hat, dann wird es die seit Jahrhunderten in Tirol praktizierte Form der freien Almbewirtschaftung in Zukunft nicht mehr geben. Das bisher übliche Nebeneinander von Wanderern und Tieren hätte dann ein Ende‘, so Mayerl weiter. Nicht nur für die Landwirtschaft, sondern auch für den Tourismus wären die Auswirkungen dramatisch, betonte er.

Landwirtschaftskammer und Tourismusverbände hätten in den letzten Jahren massiv Bewusstseinsbildung betrieben, verweist Mayerl auf die mittlerweile überall anzutreffenden Hinweisschilder und aufgelegten Infofolder: ‚Ohne ein gewisses Maß an Eigenverantwortung wird es aber nicht gehen. Eine vollständige Abzäunung von Weideflächen ist in Almgebieten nicht möglich.‘“(‚Agrar Heute‘ 12.Mai 2017)

Mehr Verantwortungs-Gefühl zeigen da die Schweizer. Die Arbeitsgruppe Mutterkühe Kanton Graubünden macht in ihren ‚Empfehlungen an Mutterkuhhalter und Alpgenossenschaften für die Sömmerung‘ Nägel mit Köpfen:

Bauern, welche sich häufig in den Boxen mit dem Vieh abgeben, haben in der Regel

zutrauliche Tiere, oder die Tiere sind zumindest an den Menschen gewöhnt‘, heißt es da zum Anfang ausführlicher Beschreibungen, wie die Tierhalter ihre Kälber von klein auf an sich gewöhnen können.

Beim Aufbau bzw. bei der Selektion der Herde ist künftig mehr Wert auf die Charaktereigen-schaften der Tiere zu legen. Aggressive oder in der Handhabung schwierige Tiere sollten besser dem Schlachthof zugeführt werden. Solche Tiere stellen übers ganze Jahr eine potentielle Gefahr dar.‘

.. ist es ratsam, auf Weiden, durch die Wanderwege führen, keine Muttertiere mit frischen Kälbern zu halten. .. Muttertiere, die kurz vor dem Abkalben stehen, sollten von der übrigen Herde möglichst früh getrennt werden.‘

Aus diesem Grund gibt es Alpen, die für Kühe, welche irgendwann während des Alpsommers einmal abkalben sollten, eine separate Koppel für abkalbende Mutterkühe einrichten. Diese Koppel wird nochmals speziell gekennzeichnet, dass hier die Gefahr besonders hoch ist, von einer besorgten Mutterkuh angegriffen zu werden…‘

Während der Hauptferienzeit halten sich mehr Wanderer und Touristen in den Bergen auf. Daher lohnt es sich, die Weideeinteilung so zu wählen, dass die Tiere in dieser Zeit nicht auf stark frequentierten Wegen weiden. Die Eigenschaften einer Mutterkuhherde sind nicht mit jenen einer Milchkuhherde gleichzusetzen. Da sich Tiere aus der Mutterkuhhaltung häufig so verhalten, wie es eigentlich in der Natur der Rinder liegt, braucht es diverse Kenntnisse über die Eigenschaften bzw. das Verhalten von Mutterkühen.‘

Während der Alpsömmerung befinden sich die Tiere in der Obhut der Alp und der Hirten. Die Besitzer können sich von der Haftung befreien, wenn sie die Tiere auf die Alp geben. Sie sind dann nicht mehr die Tierhalter. Die Verantwortlichkeit liegt nun beim Alpwirtschaftsbetrieb. Aus diesem Grund ist es zwingend notwendig, dass der Alpbetrieb über eine separate Haftpflichtversicherung verfügt, in der Tierunfälle mit eingeschlossen sind. So eine Versicherung ist relativ kostengünstig. Es ist mit ca. Fr. 260.- pro Jahr für bis zu 200 Tieren zu rechnen.‘

eringer kühe

 

Die EU ist mit rund 47 Millionen Tonnen nach China (2016: 85 Millionen Tonnen) der weltweit zweitgrößte Fleischerzeuger.

Im Frühjahr verkaufte die EU ihre letzte Butterreserve – 6 000 Tonnen.

1987 waren es noch 1,2 Millionen Tonnen.

 

https://www.theguardian.com/uk-news/2017/jun/14/professor-trampled-to-death-by-cattle-in-east-sussex?CMP=share_btn_fb

http://www.tagblatt.ch/ostschweiz/Wenn-Mutterkuehe-Menschen-toeten;art120094,1682985

https://www.news.at/a/toedliche-kuh-attacke-in-tirol–zivilprozess-gegen-landwirt-1-8124336

http://www.mutterkuh.ch/fileadmin/user_upload/domain1/PDF-Dateien/MKH___AG_Empfehlungen.pdf

(©Arbeitsgruppe Mutterkühe Kanton Graubünden Empfehlungen an Mutterkuhhalter und Alpgenossenschaften für die Sömmerung Ausgangslage . Unfälle mit Mutterkühen